1970/4 Die Käthchen Evelyn und Gisela

Die »Käthchen von Heilbronn« heißen Evelyn und Gisela

Erstmals Käthchen-Wahl in der Harmonie / Evelyn Friedrich gewann vor Gisela Hirth / »Ich bin überglücklich«


Die 17jährige Oberschülerin Evelyn Friedrich wurde am Freitag in der Harmonie zum offiziellen »Käthchen von Heilbronn« gewählt. Unter zehn jungen Mädchen, die sich für die Endausscheidung qualifiziert hatten, bekam sie die meisten Pluspunkte für Auftreten, Aussprache und die Beantwortung von zehn Fragen. »Vize-Käthchen« wurde die 17jährige Gisela Hirth. Zum erstenmal wurde das »Repräsentations-Käthchen« in der Stadt des Kleist-Dramas nicht vom Rathaus bestimmt, sondern von einer Jury ausgewählt. Der Amateur-Tanzclub »Blau-Gold«, der mit Unterstützung der Stadt und mehreren Turnvereinen die Initiative ergriffen hatte, umrahmte die Wahl mit einem Käthchenball. Museumsdirektor Dr. Manfred Tripps betonte in seiner Festrede, die Käthchenwahl sein »kein Kitsch, sondern ein Teil der Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens«. Unter den Ehrengästen war auch Dieter Läpple, der Schöpfer des Käthchendenkmals in Heilbronn.

In allen Variationen konnten man die »Käthchen« von Heilbronn beim Käthchenball in der Harmonie erleben. Auf der Bühne saßen in historischen Trachten die zehn Mädchen, die sich um den Titel des Repräsentations-Käthchens bewarben. In der »Holunderbusch-Szene« aus dem Kleistschen Drama träumte das Theater-Käthchen von ihrem geliebten Grafen. Und auf dem Tanzparkett wirbelten die Käthchen in Minirock und langem Abendkleid herum.

Geständnisse am Mikrophon

Das erste Hindernis, das von den 17- bis 19jährigen Käthchen-Anwärterinnen aus allen Heilbronner Stadtteilen überwunden werden mußte, war das Mikrophon. Nacheinander wurden sie von Willy Seiler vorgestellt und ausgefragt. Die meisten Mädchen erwiesen sich dabei recht schlagfertig. Besonders nett war, daß und wie alle ihre Aufregung vor diesem Auftritt eingestanden. Die sechsköpfige Jury, die ebenfalls auf der Bühne saß, notierte die ersten Punkte für Auftreten, Aussprache und Gesamteindruck.

Im Mittelpunkt der Wahl stand die Beantwortung von zehn Fragen, die Museumsdirektor Dr. Manfred Tripps als Leiter der Jury ausgewählt hatte. Zuerst mußten die Mädchen beweisen, was sie über Kleist und sein Käthchen-Drama wußten. Wohlweislich hatten sich die Mädchen auf solche Fragen in der Stadtbücherei oder in Papas Bücherschrank vorbereitet. Und beim zweiten Fragen-Komplex ging es dann um Heilbronn und seine Geschichte.

»Käthchen-Komplex« und »Heine«

Ohne Ausnahme bestanden alle Mädchen die Kleist-Prüfung recht gut. Dabei mußten sie wissen, welche Werke der Dichter geschrieben hatte, nach dem bürgerlichen Namen des Käthchens in dem Drama wurde gefragt, wer ihr wirklicher Vater sei und wie der Pflegevater hieß, welche Tugenden sie besonders auszeichneten. Als schwierigste Frage erwies sich: Was versteht man (medizinisch und psychologisch) unter einem Käthchen-Komplex? Die Antwort laut Dr. Tripps: »Eine gewisse Art von Mannstollheit beziehungsweise das Nachlaufen eines Mädchens hinter einem Manne.«

Auch bei der Heilbronn-Prüfung bewiesen die Kandidatinnen, daß sie sich in ihrer Heimatstadt bestens auskennen. Gefragt wurde danach, auf welche Weise die Stadt in jüngster Zeit den Dichter eines ihrer Wahrzeichen geehrt habe, wie die Bürgerstochter heiße, die Kleist zu seinem Drama angeregt habe [Anm.: eher keine, leider], wie die Heilbronner Ehrenbürger und Partnerstädte heißen. Die meisten Schwierigkeiten machte die Frage, wie die Heilbronner Weingärtner im Volksmund genannt werden und wie sie selbst ihren Berufsstand bezeichnen. Die Antwort: »Heine« und »Der Stand«.

Sieg mit großem Vorsprung

»Ich bin völlig außer mir!« und »Ich bin überglücklich!« freute sich die 17jährige Evelyn Friedrich vom Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium, als ihr Sieg mit 324,5 Punkten feststand. Die hübsche Tochter des Malermeisters Albert Friedrich hatte die Jury und auch das Publikum vor allem durch ihr sympathisches und ungezwungenes Auftreten beeindruckt. Sie soll künftig bei offiziellem Anlässen als Repräsentations-Käthchen auftreten.

Zu den ersten Gratulanten gehörten auch Bürgermeister Erwin Fuchs und das Rathaus-Käthchen Traudel Rohrbach. Glücklich versprach Evelyn Friedrich: »Ich hoffe, daß ich Heilbronn wirklich anständig vertreten werde!« Das Publikum klatschte begeistert. Auf den zweiten Platz kam die 17jährige Gisela Hirth (313 Punkte) aus Sontheim, die als Versicherungslehrling tätig ist. Sie soll Evelyn Friedrich als »Vize-Käthchen« unterstützen. Dritte wurde Gudrun Schindler (312,5) vor Beate Strobel (310). Aber auch die anderen sechs Käthchen-Bewerberinnen hatten stattliche Pluspunkte verbucht.

Bei der Eröffnung des Käthchenballs hatte Wolfgang Schindler, Vorsitzender des Amateur-Tanzclubs  Blau-Gold, daran erinnert, daß genau vor 160 Jahren [Anm.: 17. März 1810] das Kleist-Drama »Das Käthchen von Heilbronn« im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Ausgehend von einem Ausspruch des Dichters Otto Rombach betonte Schindler, daß eine Stadt wie Heilbronn »auch in feinerem Sinne der Umschlagplatz von geistigen Gütern für alle« sein sollte. Dazu würden auch diese Wahl und der Käthchenball gehören.

Dr. Tripps: »Mißverstandene Kunstwerke!«

Drei Kunstwerken, die von ihren Zeitgenossen mißverstanden wurden, verdanke Heilbronn hauptsächlich seinen Ruhm auf kulturellem und künstlerischem Gebiet, erklärte Museumsdirektor Dr. Manfred Tripps in seiner Festrede. Dazu zählte er den Kiliansturm von Hans Schweiner, das Ritterschauspiel »Käthchen von Heilbronn« und das Käthchendenkmal von Dieter Läpple. Der Kiliansturm werde inzwischen als eine »einmalige Schöpfung« anerkennt, für die es »auf der Welt kein gleichartiges Beispiel gibt« und die als »Heilbronner Renaissance« in die Kunstgeschichte eingegangen sei.

Demgegenüber seien die Mißverständnisse um das von Kleist erdichtete und das von Läpple in Bronze gegossene »Käthchen« noch nicht ausgeträumt. Aber beide Werke hätten eine gültige künstlerische Aussage, die Anerkennung verdiene. Daran habe auch »eine lange Zeit versüßlichte Art der Aufführung des ›Käthchens‹, die von den Vorvätern als Kunst gewertet wurde und ihnen gefiel«, nichts verderben können. Wenn jetzt auch noch ein »Käthchen« gewählt werde, so sei dies »kein Kitsch«, sondern »Ausdruck der Vielfalt des Gesellschaftslebens«. Die Jugend bekomme Gelegenheit, sich an der Prüfung und Repräsentanz eines Wahrzeichens dieser Stadt zu beteiligen.

Humor, Tanz und Theater

Humorvoll lockerte Willy Seiler als Conférencier den »Käthchenball« auf. Zwei Schauspielschüler aus Stuttgart führten die »Holunderbusch-Szene« aus dem »Käthchen« auf. Das Turnierpaar Tönnies/Hauck begeisterte mit Schautänzen. Für schwungvolle Rhythmen sorgten die »Sechs Hobbys«. Das Publikum durfte nicht nur auf dem Tanzparkett in Aktion treten, sondern auch an einem Käthchen-Wettbewerb teilnehmen. Dafür waren besondere Fragen ausgewählt worden. Sekt und ein Tänzchen mit den »Käthchen«-Anwärterinnen waren der Preis.


(jac [Uwe Jacobi] in: Heilbronner Stimme, 27. 4. 1970)