Stolze, Reinhold: Kleists Käthchen von Heilbronn auf der deutschen Bühne (1923)

Kleists Käthchen von Heilbronn auf der deutschen Bühne

Ein Beitrag zur Theatergeschichte

Von Reinhold Stolze


Das Bühnenschicksal des K. v. H. [Käthchen von Heilbronn] ist überaus verwickelt. Unter Benutzung mannigfaltiger Bearbeitungen hat man seit gut einem Jahrhundert versucht, dem Dichterwerke auf der Bühne mehr oder minder gerecht zu werden. Die größten textlichen Schwierigkeiten boten die Kaisergestalt und vor allem die Kunigundenszenen. Die Bedenken gegen den Kaiser waren unbegründet, da er sich völlig organisch in das Werk eingliedert, die Abneigung gegen Kunigunde als Toilettenkünstlerin entsprangen dagegen einem gesunden künstlerischen Gefühl. Es ist daher empfehlenswert für alle Aufführungen, unter Berücksichtigung der Phöbusfassung auf den von Kleist ursprünglich beabsichtigten völlig irrationellen, melusinenhaften Märchencharakter Kunigundes zurückzugreifen. Die folgenden Ausführungen zeigen kurz den Weg, den das K. v. H. über die deutschen Bühnen gegangen ist. Ich halte mich dabei an das chronologische Prinzip, indem ich die zeitliche Aufeinanderfolge der verschiedenen Bearbeitungen und ihrer Erstaufführungen als Richtschnur nehme.

Durch wirtschaftliche Not veranlaßt, mußte Kleist sein in der Zeit von Spätherbst 1807 bis Mitte des Jahres 1808 in Dresden entstandenes "Käthchen" den Theatern anbieten. Die Aussichten auf eine Aufführung in Deutschland waren damals aber sehr trübe. Kleinere Bühnen konnten für das höhere Schauspiel nicht in Frage kommen, auf Weimar mußte Kleist verzichten wegen seiner Entzweiung mit Goethe, in Norddeutschland lag das Theater infolge der Kriegsstürme und des französischen Regiments völlig brach, so daß unser Dichter nur noch auf die Dresdener und Wiener Bühne hoffen konnte. Die Aufführung in Dresden kam infolge des schlechten Theaterbetriebes der Stadt nicht zustande. So blieb schlechterdings außer der Wiener Bühne keine andere für die Uraufführung übrig.

Der Gedanke an eine Wiener Aufführung hat Kleist wahrscheinlich schon vom Beginn seiner dichterischen Arbeit am K. v. H. beseelt und in der Weise beeinflußt, daß er sich bei der Konzeption des Stückes leiten ließ von Rücksichten auf den Geschmack des Wiener Publikums und auf das Repertoire des Theaters an der Wien (vgl. vor allem die Szene IV/1). In Wien verschob sich wegen des Kriegszustandes die Premiere bis zum 17. 3. 1810. Der Kaiser mußte sich unter dem Einfluß der Zensur die Umwandlung in einen Herzog von Schwaben gefallen lassen und diese Erniedrigung über vier Jahrzehnte erdulden, bis Laube 1852 ihm die alte Würde zurückzugeben wagte. Auch durften in Wien bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus keine Personen geistlichen Standes auf der Bühne erscheinen, ja es mußten auch sogar Namen oder Redewendungen, die sich irgendwie auf religiöse Gebräuche bezogen, gestrichen werden. Wahrscheinlich hat Franz Grüner, der der Grafen von Strahl spielte, das Werk inszeniert. Madame Pedrillo, geb. Eigensatz, gab das Käthchen. Von einer stilgerechten Aufführung konnte damals in Wien noch keine Rede sein. Man wird das Stuck nach der Art der dort üblichen Ritter- und Ausstattungsstücke gegeben haben. Am 18. und 19. März fanden Wiederholungen statt. [Aufgrund neuerer Forschungen: Bis zu Kleists Tod im November 1811 mindestens 12 Aufführungen! GE]

Ermutigt durch die Wiener Aufführungen, bot Kleist sein Werk dem Berliner Schauspielhaus an, fand aber kein Interesse bei Iffland, der sich wohl noch durch eine herabsetzende Kritik Adam Müllers, die dieser im "Phöbus" über Ifflands Dichter-.und Schauspielertum veröffentlicht hatte, gekränkt fühlte. Nach dieser kalten Abweisung bemühte sich Kleist, das K. v. H so schnell als möglich im Druck erscheinen zu lassen.

Durch die Veröffentlichung im Herbst 1810 war für alle Bühnen das Aufführungsrecht des Dramas frei. Zu Kleists Lebzeiten. erschien es nur noch auf den Bühnen in Graz und Bamberg: in Graz am 16. 12. 1810 ohne Erfolg, in Bamberg am 1. 9. 1811 in einer Bearbeitung Holbeins, die sich noch verhältnismäßig eng an das Original anschloß, aber keine Teilnahme erweckte. Der Kaiser war aus Zensurrücksichten gestrichen.

Dieselbe Einrichtung brachte Holbein 1812 in Würzburg und 1813 in Mannheim zur Aufführung.

Im Jahre 1813 nahm Holbein als Schauspieler und Maschinenmeister im Karlsruher Theater Anstellung, und von der starken Bühnenwirksamkeit des K. v. H. überzeugt, bearbeitete er das Stück hier zum zweitenmal, und zwar suchte er diesmal unter Verzicht auf jede künstlerische Einsicht und nur von Geschäftsinteresse geleitet, es auf die gewissenloseste Weise in ein zugkräftiges Kassenstück umzumodeln. Ohne Erbarmen wurde die Dichtung alles poetischen Zaubers entkleidet, die Versform überall zertrümmert und in nüchterne, abgeschmackte Prosa verwässert. Der erste Akt wurde in ein besonderes Vorspiel "Das heimliche Gericht" verwandelt. Die Karlsruher Fassung, die in Karlsruhe am 18. 9. 1814 erstmalig inszeniert wurde, gehört zu den schlimmsten Entstellungen, die je ein Dichterwerk erlitten hat. Sie hatte sich allmählich auf fast allen Haupt- und Provinztheatern eingenistet und verdrängte noch im Jahre 1843 die weit bessere Einrichtung Schreyvogels von der Bühne des Wiener Burgtheaters. Auf etwa 20 Theatern ist das "Käthchen" in der Holbeinschen Mißgestalt bis in dieses Jahrhundert hinein gespielt worden.

In fast völliger Anlehnung an die Karlsruher Fassung führte Theaterdirektor Carl Carl das K. v. H. 1817 im Theater an der Wien und 1818 in Bamberg auf.

Darstellungen im Originaltext wurden in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und sehr spärlich gegeben, so seit dem 23. 6. 1817 erstmalig von Prof. Gottlieb Johann Rhode in Breslau und seit 1818 von der Schweriner Schauspielgesellschaft in Schwerin, Güstrow, Rostock, Doberan, Wismar, Ludwigslust.

Die erste ernste Auflehnung gegen Holbeins Machwerk finden wir in Schreyvogels Bearbeitung, die vom 22. 11. 1821 bis 13. 12. 1835 34mal im Burgtheater in Szene ging. Sie klingt wohl noch an manchen Stellen an Holbeins Werk an, bringt aber den Kleistschen Text in umfangreichem Maße wieder zur Geltung. Schreyvogel errang dem bis dahin in Wien völlig verkannten und mißachteten Stück mit der Erstaufführung im Burgtheater die gerechte Einschätzung und Anerkennung in der Donaustadt. Wie Holbein beseitigt Schreyvogel das Motiv von Kunigundes körperlicher Mißgestalt und legt dafür größeres Gewicht auf die Charakterzeichnung der verderbten Verstellungskünstlerin. Der Tag der Erstaufführung im Burgtheater ist einer der bedeutungsvollsten im Bühnenleben unserer Dichtung, da die Aufnahme im Repertoire des von Schreyvogel allmählich über alle deutschen Bühnen erhobenen Burgtheaters gleichsam für die Lebensfähigkeit und Reife des Werkes Gewähr leistete und es zugleich den übrigen Theatern empfahl.

Erst 30 Jahre später hatten Männer wie Laube und Devrient den gleichen Mut wie ihr zu früh vergessener Vorkämpfer. Laubes Bearbeitung, die im Anschluß an den Thieckschen Vorschlag Theobald zum Großvater Käthchens macht, wurde am 11. 11. 1852 zum erstenmal im Burgtheater aufgeführt und daselbst bis zum 14. 11. 1875 60mal gegeben. Auch in Berlin, Weimar, Hannover, Breslau, Oldenburg wurde sie in Szene gesetzt. Ähnlich, aber mit größerem künstlerischem Verständnis als Laube, hat Eduard Devrient das Stück bearbeitet, das am 8. 10. 1854 zum erstenmal in Karlsruhe gespielt wurde, und außerdem noch in Mannheim, Freiburg i. B. und Kassel.

Schon vorher, im Jahre 1850, hatte Feodor Wehl in Berlin ohne Erfolg eine Bearbeitung hergestellt, in welcher er Theobald in den Onkel Käthchens verwandelt hatte. Auch die zweite, am 29. 12. 1857 erstmalig in Hamburg aufgeführte Fassung Wehls, in der Käthchen die Adoptivtochter des Kaisers wird, fand keinen Anklang. Während Laube und Devrient sich völlig von Holbein freizumachen suchten, finden wir in Wehls Bearbeitung wieder stärkere Anlehnung an Holbein. Aber darin stimmten alle drei mit Holbein und Schreyvogel überein, daß sie Kunigundes körperliche Häßlichkeit beseitigten und es bei ihrer moralischen Verderbtheit bewenden ließen.

Weit besser als die Wehlschen Fassungen, war Dingelstedts Bearbeitung, deren auffallendste Änderung in der Umdichtung des Prosamonologs des Kaisers (V/2) in einen Versmonolog besteht. Die Erstaufführung fand am 10. 10. 1876 im Burgtheater statt und wurde bis zum 23. 2. 1902 42 mal wiederholt.

Erst durch die Aufführungen der Meininger kam das Original fast völlig unverfälscht zur Geltung. Nicht einwandfrei blieb nur, wie bei Dingelstedt, die Verschmelzung des Schauplatzes von V2 und Voa. mit dem von Vi. Vom. 1. 10. 1876 bis 1.1. 10. 1886 gaben die Meininger das Stück mit großem Erfolg in mehreren Großstädten im ganzen 83 mal. Dingelstedt und die Meininger brachten Kunigunde zum erstenmal als "Toilettenkünstlerin", wie wir sie in Kleists Buchausgabe finden, auf die Bühne.

Unter dem Einfluß der Meininger stehen die Inszenierungen des Werkes durch Richter in München (28. 2. 1883), der der Lösung des Kaiserproblems eine neue Wendung zu geben sucht, indem er Theobald in dem Glauben läßt, daß Käthchen seine wirkliche Tochter ist, während die Zuschauer durch die vom Kaiser beiseite gesprochenen Worte hinlänglich genug, wenn auch nicht ausdrücklich, über die illegitime Geburt des Mädchens aufgeklärt werden. Weiterhin haben die Meininger Aufführungen die Inszenierung August Försters (Berlin, Deutsches Theater 23. 12. 1885), der wieder den Thieckschen Vorschlag verwertet, die Inszenierung Max Grubes (Berlin, Kgl. Schauspielhaus: 12. 4. 1891), die Darstellungen in Weimar seit 1895 und in Hannover seit 1899 beeinflußt.

Eine schlimme Verunstaltung erfuhr die Dichtung durch die Bearbeitungen von Prof. Siegen (1890 und 1900), die in mancher Beziehung an Holbeins Willkür erinnern und auch einen ähnlichen Bühnenerfolg erlebt haben. Aber ein großes Verdienst hat sich Siegen um das K. v. H. erworben, indem er als erster wieder auf den Märchencharakter der Urgestalt und auf die Phöbusfassung hingewiesen hat.

Weit pietätvoller als Siegen ist Demetrius Schrutz mit der Dichtung verfahren in seiner 1898 für kleinere Bühnen geschaffenen Einrichtung, die an manchen Punkten an Devrient und die Meininger erinnern.

Im 20. Jahrhundert sind vor allem die Einrichtungen von Prof. Arthur Seidl (Dessau: 26. 12. 1904), von Max Reinhardt (Berlin, Deutsches Theater: 19. 10. 1905), von Paul Henckell (Düsseldorfer Schauspielhaus: 30. 9. 1919) und die der Volksbühne (Berlin: 24. 4. 1920) hervorzuheben. Die Düsseldorfer Inszenierung scheint mir die am besten geratene zu sein.

Das gute Gelingen einer Aufführung hängt vor allem davon ab, daß das Original möglichst unverändert gegeben wird, unter besonderer Betonung des Märchencharakters, und vor allem von der Auffassung der Kätchen-, Kunigunden- und Grafenrolle. Während Käthchen völlige Hingebung verkörpern muß, soll uns Kunigundes Charakter das Dämonische offenbaren. Jedenfalls müssen beide Gestalten von dem Hauch des Märchens umgeben und der Sphäre des Rationellen so weit wie irgend möglich entrückt werden. Bei Strahl dagegen, der als typischer Mann zunächst die demütige Hingabe eines einfachen Bürgermädchens verkennt und sich von einem selbstsüchtigen, seelenlosen Burgfräulein blenden läßt, müssen wir die Unsicherheit und Befangenheit erkennen, bis ihm durch Käthchens allbezwingende Liebe die unbeirrte Entschlußfähigkeit und die Kraft, der Stimme seines Herzens zu folgen, verliehen wird.

Ueberblicken wir die zahllose Menge der Käthchen-Darstellerinnen, so finden wir die richtige und falsche Auffassung der Rolle von der Wiener Uraufführung bis in unsere Tage nebeneinander vertreten. Immer gab es Schauspielerinnen, denen der märchenhafte Charakter Käthchens im Kleistschen Sinne gelungen ist, daneben aber auch solche, die mit kindlicher Naivität ihre Aufgabe zu lösen glaubten.

Mit der Darstellung der Kunigunde sieht es viel trostloser aus. Sie wurde entweder als Toilettenkünstlerin, die ihre körperliche Häßlichkeit zu verdecken wußte, oder als schöne, gewissenlose Intrigantin gegeben. Die einzige Schauspielerin, die das Dämonische in der Kunigunden-Rolle empfunden und in ihrer Darstellung zu verwirklichen gesucht haben mag, wird Christine Hebbel (Wiener Burgtheater 1852) gewesen sein. In der Erfassung der Kunigunden-Gestalt den Absichten des Dichters gerecht zu werden, bleibt der Zukunft noch vorbehalten. Nur ganz große Schauspielerinnen, die völlig von innen heraus diese Rolle zu gestalten vermögen, werden Aussicht haben, die Aufgabe befriedigend zu lösen.


(Beilage zur Dissertation (1923) von Stolze, als Reprint 2004 neu gedruckt und erhältlich beim Kleist-Archiv Sembdner)